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Im Prater (Mittwoch, 18. März 2020)

Am Eck das Admiral Casino, daneben staubiger Wildwuchs einer Baustelle, eine alte Geisterbahn. Dahinter ziehen sie Häuser hoch für Hotels und Appartements mit speziellen Features. Obwohl der Blick schon verstellt ist, fallen mir die grauen Rohbauten erst jetzt auf. Gegenüber die kahlen Reste des Zeltes des Palazzo.
Die alte Geisterbahn ist wohl schon seit Monaten geschlossen. Dabei bilde ich mir ein, dass ich vor nicht allzu langer Zeit jemanden in dem Plastikverschlag sitzen gesehen habe, wenn ich mich auch nicht an Gäste erinnern könnte. Aber Kassa gibt es ohnehin keine mehr.
Ich rufe Marlene an. Vor zwei Tagen haben die Isolationsmaßnahmen sie zum Weinen gebracht.
Heute geht es ihr schon viel besser. Sie war mit einem Freund spazieren, natürlich mit Abstandhalten, und habe viel gelacht.
Ein paar andere Menschen sind unterwegs. Friedlich und unaufgeregt.
Im Prater schreit nichts nach Aufmerksamkeit, nichts glitzert, nichts blinkt, nichts leuchtet, und ohne diesen Glamour und ohne Menschen wirkt auch der Prater angenehm heruntergekommen, menschlich irgendwie mit seinen Attraktionen. Es juckt mich, durch eine Absperrung durch und mich in eine Gondel zu setzen. Zu sehen, was es da sonst noch so gibt.
Ich balanciere auf den Schienen der Liliputbahn. Rundherum blüht es. Die Forsythie, wie jedes Jahr, vorne mit dabei. Es blüht nicht nur in Gelb, es blüht auch in Weiß und auch in Altrosa. Schlehe und eine Art Kirsche vielleicht.
Der Geruch von Frühling.
Abenddämmerung.
So viele so lange und intensive Telefongespräche wie die letzten Tage habe ich vielleicht noch gar nie geführt.
„Eine Stimmung wie in den 80ern. Nichts los, kein Stress.“
Marlene geht es ab: das Theater, das Kino, die Konzerte, die Feste (so wie es mir in den 80ern abgegangen ist).
„Wie ist der Himmel bei dir? Bei mir ist er Rosa.“
„Wenn du Rosa sagst, denke ich sofort an Zuckerwatte. Die’s aber leider gerade nicht gibt.“
Auch über dem Prater ist der Himmel rosa. Dieses Abenddämmerungshimmelsrosa, das jetzt zusammen mit den matten Farben rundherum und den Frühlingsdüften eine eigene Zeit möglich macht (zur selben Zeit außerhalb und innerhalb der alltäglichen Zeit, wenn auch momentan ohnehin die Alltäglichkeit etwas verschoben ist).
„Ich mag Zuckerwatte nicht.“
„Oh, Zuckerwatte ist schon was Wunderbares. Erst noch ganz leicht auf der Zunge, löst sie sich in Sekundenschnelle auf. Jedes Mal ein kleines Wunder! Und man nimmt sich und nimmt sich, natürlich wird einem schlecht, aber man kann nicht aufhören und reißt sich noch ein Stück und noch ein Stück herunter.“
„Wenn der Prater wieder offen ist“, sagt Marlene, „dann gehen wir Zuckerwatte essen.“