TEILHABE.at

die sache mit der wand, marlen haushofer gewidmet

wieder frühmorgens mit dem hund eine runde. es ist wirklich niemand auf der straße. also nicht mal ein hauch von jemandem.
ich höre meine eigenen schritte. die morgensonne taucht die häuser in ein freundliches gelb. so laut war das vogelgezwitscher nie. vielleicht, weil es endlich still ist. kein gehupe, kein gelaber, kein gedröhne. es ist so komplett still, dass ich mir vorstelle – mitten in der stadt – dass absolut kein mensch mehr da ist. alle am virus verstorben, weil sie ihn unterschätzt haben. nur ich und der hund sind noch übrig. was würde ich da machen ? mal in die wohnungen der anderen schlendern und kucken, welche bücher ich noch nicht gelesen habe, erforschen, wie die anderen so gelebt haben ? was würde ich ganz ohne menschen und mit viel zeit anfangen ? wahrscheinlich würde ich erstmal in der stadt zum waldmenschen mutieren. im alten akh-park holz holen für den kamin, erdäpfel, tomaten pflanzen, wie macht man das überhaupt ? wenn nichts von aussen kommt. keine billa-lieferung ?
ich erinnere mich an den roman ,,die wand” von marlen haushofer. ich habe mich immer gefragt, was diese wand im roman, die ja nicht sichtbar ist, aber ständig da ist und durch die die protagonistin nicht durchkommt, sein könnte.
was könnte die wand sein heute? –
ich gehe um die ecke, es ist sonntag und ich fladere mal alle zeitungen, die ich kriegen kann.
wenn ich ganz alleine in der stadt sein würde, wären das also jetzt die letzten zeitungen vom 29.3.2020. die zeit würde also, zumindest was die zeitungsproduktion betrifft, jetzt mal stehen bleiben. die umstellung auf sommerzeit wäre wurscht. also nicht, dass sie mir jetzt nicht auch wurscht wäre. sie wäre dann doppelt wurscht, im sinne von komplett egal und ohne sinn.

das problem mit der wand habe ich noch nicht gelöst. im roman von haushofer ist die wand durchsichtig, aber extrem spürbar, fühlbar, fast bedrohlich fühlbar.

ehrlich habe ich ,,die wand” , also so ein bedrohliches gefühl, das man nicht fassen kann, schon weit v o r der ausgangssperre gespürt. es war da, als die menschen auf der straße, die hinter mir gingen, versucht haben, quasi durch mich hindurch zu laufen, weil sie es eilig hatten. ich wollte manchen nachrufen: ,,hast du es beim sterben dann auch so eilig wie jetzt?” – hab es aber nicht getan. oder ihre aufmerksamkeit klebte auf einer kleinen scheibe vor der nase, dem handy, sodass sie nichts anderes wahrnahmen.

das bedrohliche gefühl war da, als alle im voll belegten straßenbahnwagon gleichzeitig telefonierten, als wäre niemand anwesend. nur sie und ihr telefongespräch. damals – jetzt sag’ ich schon damals – hatte ich mich in die telefongespräche anderer leute manchmal einfach eingemischt. ich wusste nicht, wie ich sonst mit der situation umgehen sollte, aus der ich nicht flüchten konnte zwischen zwei stationen. ich erntete immer böse blicke, als wäre ich irre. Aber es hat mich auch irre gemacht. diese null-emphatie. diese permanente wand der anderen vor der eigenen nase zu spüren. jetzt könnte ich ganz alleine im 43er fahren. aber es gibt nicht wirklich ein ziel. ausserdem hab ich angst, dass im wagon kleine unsichtbare covid-viren hocken und nur darauf warten, mich anzuspringen. machen die aber gar nicht, sie segeln nur 3 meter durch die luft, von einem hustenden aus gedacht, und plumpsen auf den boden. tun mir fast leid. sie sind unsichtbar, in der vorstellung bedrohlich, aber sie sind nicht mit dieser ,,wand” zu vergleichen, die unter menschen auftaucht. sie fühlen sich dynamisch an und nicht so irre wie menschen, die nur mehr in 2D-Oberflächen leben. lebten.

Wenn die, die jetzt jung sind, also die ,,Überträger” im Virusjargon, dann alt und gebrechlich werden, sterben die dann mit dem Handy vor der Nase ? Kriegen die das dann mit, dass sie gestorben sind ? Was ist ihre letzte sms ? was ihre letzte suchfunktion ? was ihr letztes handybild ?

die unsichtbare wand, dieses bedrohliche gefühl, ist also etwas, das wie eine statische verkrampfung zwischen menschen klotzt. aber sie kommt nicht von aussen, ausser man bezeichnet die technischen hilfsmittel als das außen. die menschen bauen sich also unsichtbare wände, indem sie sich für ein zweidimensionales leben entscheiden und nicht für die gegenwart. das funktioniert schleichend und wie ein sog, der nicht zu stoppen ist.

allerdings haben wir immer nur die gegenwart, das jetzt nach dem jetzt und wieder ein jetzt. irgendwann ist es für jeden das letzte jetzt.

im moment sehe ich keine menschen, die, während sie miteinander sprechen, auf ihren handys scrollen. wenn zwei menschen auf einer parkbank sitzen, sitzen sie auf der parkbank, keiner scrollt. von alleine wäre so ein zustand niemals eingetreten.

seltsam, obwohl die situation einer pandemie ja bedrohlich ist, ist mein bedrohliches gefühl von d a v o r verschwunden. die wand hat sich quasi aufgelöst. alle leben im jetzt, weil die gegenwart aufmerksam auf sich macht. mit abstand kann man menschen auch viel besser wahrnehmen als ohne. ich habe angst, wenn die Zweidimensionalen zurückkehren, die irren mit dem handy vor der nase, die mit dir sprechen und dabei eine sms versenden.

ich spreche jetzt jeden tag mit einer krähe vorm haustor. das fühlt sich im moment weniger irre an, als in einem vollbesetzten verkehrsmittel zwischen menschen zu stehen.
am abend kucke ich in die brotlade, ob da reste sind, die ich am nächsten morgen der krähe vorm haustor mitbringen könnte. es macht mir einfach freude. das schafft keine online-bestellung. echt nicht.

die-wand.jpg

URL